Liebe Reanrw ,
du solltest dich nicht entschuldigen müssen, wenn du über dein Thema "Akzeptanz der neuen Lebenssituation" schreibst. Es ist gut, wenn du das tust, da auch dies eine Art der Verarbeitung darstellt.
Herr K. ist grausam, ich bezeichne ihn in der Zwischenzeit als einen "Diktator", weil er so mächtig ist, unsere Zellen zu verändern. Was wir tun können ist:
- unsere hilfreichen Medikamente, unsere Game Changer, gegen ihn einzunehmen
- zu hoffen, dass sie längerfristig wirken und
- alles zu tun, damit wir trotz dieser gemeinen Erkrankung wieder ein Seelengleichgewicht finden.
Manchen von uns hilft ein sorgfältig ausbalanciertes Sportprogramm, das man auch bei Knochenmetastasen machen kann. Unsere Ärzte oder auch die Übungsleiter in den Sportstudios haben eine gute Ahnung, was wir machen dürfen und was nicht. Ich war nie eine "Fitness-Studio-Maus", liebe es aber in der Zwischenzeit mein Arthrose Knie vorsichtig auf dem Ergometer zu bewegen. Auch das Handfahrrad hilft mir sehr. Durch die große Hitze kommt das allerdings sehr kurz zur Zeit.
Das Seelengleichgewicht wird bei mir mithilfe der Psychotherapie und der Kunsttherapie gefördert und ganz klar mit hilfreichen Psychopharmaka unterstützt. Und das schon seit vielen Jahren. Die Nebenwirkungen der Psychopharmaka sind minimal und ihr Effekt ist bei mir einfach optimal. Nur mit ihnen gelingt es mir aus dieser Trauer, dieser Wut, aber auch Hilflosigkeit zu kommen. Und wenn ich einigermaßen im Gleichgewicht bin, dann kann ich durch Lesen ferne Welten bereisen, meine Kreativität in mir herauslocken, mein Ehrenamt aktiv gestalten, mich so annehmen, wie ich bin: Angie mit einem miesen kleinen und extrem fiesen Diktator im Körper.
Aber wie in echten Diktaturen gibt es auch in mir so etwas wie einen inneren Widerstand. Dieser verhindert, dass mir dieser miese Kerl meine noch vorhandene Lebensenergie und - freude nimmt. Ich möchte dem Diktator nicht die Macht geben meine noch vorhandene Lebenszeit auf Dauer negativ zu zu beeinflussen.
Diese starke, mit riesigen Schritten durchs Leben eilende Angie gibt es nicht mehr. Sie ist jetzt langsamer, mit Baillarinas und Sportschuhen und speziellen Fußbetteinlagen und seit 2020 auf längeren Strecken sogar nur noch per Rollstuhl unterwegs. Und sie kommt, gleich einer Schildkröte, eben nur langsam ans Ziel. Aber sie kommt an!
Klar gibt es Phasen großer Traurigkeit, Wut und Fassungslosigkeit gepaart mit Gefühlen der Ohnmacht. Aber ich habe mir einige Stützpfeiler aktiv aufgebaut, die mir helfen diese Situation auszuhalten. Ich habe hier bei weitem nicht alle aufgezählt, es gibt noch ein paar sehr persönliche Geheimwaffen, die mir individuell gut tun.
Liebe Reanrw, ich wünsche dir, dass du deinen Weg findest - meine Vorschreiberinnen RidingGeli und Sultoni haben dir von ihrem Weg berichtet. Du bist hier wirklich nicht allein, sondern in guter Gesellschaft.
Mach dich auf den Weg deine neuen Pfeiler zu finden, vielleicht kannst du sogar ein paar alte, aus deinem vorherigen Leben, übernehmen.
Viel Kraft und Energie dazu sendet dir
Angie 