Total-Egal-Haltung normal?

  • Liebe Foris,


    zur Zeit geht mir alles am A...vorbei. So hatte ich heute einen Zahnarzttermin, ohne Aufregung vorher, obwohl ich vorher wusste, dass er bohren muss, da ich mir ein Stück vom Backenzahn abgebrochen hatte. So wurde ich auf dem Zahnarztstuhl heute ne halbe Stunde gequält - und meine Empfindungen - nada, nichts. Zahnarzt mich immer gefragt, ob es noch geht, war wirklich an ner blöden Stelle. Und ich ja,ja. Und selbst als er fertig war, keine Erleichterung, einfach nichts.


    Kennt das hier jemand auch? Muss ich mir Sorgen machen, oder ist das mal wieder normal?


    LG
    Kalinchen

  • Liebes Kalinchen,


    ich bin ja nun ein "alter Hase", weil bei mir Diagnose und Behandlung schon ein paar Jährchen zurückliegen. Deshalb ist mir bei Deiner Frage "ist das normal?" zuerst die Gegenfrage eingefallen "Was ist denn eigentlich insgesamt "normal" - und kurz nach der Diagnose und während der Behandlung sowieso?". Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich damals weit von jeglicher Normalität entfernt war und dass ich oft eigenartig getickt habe, womit ich mir in meinem Umfeld nicht immer Freunde gemacht habe :) .


    Außerdem verlangt uns die Therapiezeit so viel an Kraft ab, hat so viele Aufregungen zu bieten, dass es irgendwann einfach mal genug damit ist. Ich erkläre mir das so, dass unser Unterbewusstsein einfach "zumacht" und wir eine "Wurscht-Egal-Einstellung" zu Dingen bekommen, die nicht wirklich bedrohlich sind - und ganz ehrlich: normalerweise ist ein Zahnarzttermin zwar manchmal schmerzhaft, aber eine echte Bedrohung stellt er nicht mehr dar, wenn wir ihn in Relation zu unserer Krebserkrankung setzen.


    Ich betrachte Deine heutige Erfahrung auch mal von der anderen Seite: ist doch toll, wenn es plötzlich "normal" ist, ohne Angst oder andere Emotionen beim Zahnarzt auf dem Stuhl zu sitzen. Da würden Dich viele drum beneiden, für die eine solche Sitzung der Horror schlechthin ist.


    "Normalität" ist aus meiner Sicht einfach etwas, was situationsabhängig und personenabhängig ist. Für mich ist es z.B. nicht normal, wenn jemand bei Wind und Wetter in der Nord- oder Ostsee schwimmen geht. Es soll aber Menschen geben, die das regelmäßig tun und für die ist das völlig "normal". Deshalb denke ich nicht, dass Du Dir jetzt Sorgen um Dich machen musst, weil Du Verhaltensweisen an Dir findest, die Du bisher nicht gekannt hast.



    Liebe Grüße von Flora

    Habe Augen für die schönen Dinge, die Du jeden Tag erlebst. - Genieße sie und freue Dich darüber, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind.

  • Liebes Kalinchen,


    ich stimme Flora schon im Allgemeinen zu. Die Relation Zahnarzt zu Krebs ist wirklich nicht zu vergleichen. Allerdings musst du aufpassen, dass du nicht in eine "alles ist mir egal, ob schmerzhaft, angstvoll oder freudig" Haltung hineinrutscht. Das könnte in einer Depression enden. Ich denke, unsere Seele ist in dieser Ausnahmesituation schon empfänglich für diese Krankheit. Gib gut auf dich acht, höre in dich hinein und wenn du dir unsicher bist, mach es wie heute :thumbsup: stelle deine Gefühle in Frage, sprich mit anderen darüber, ja nichts in dich hineinfressen und grübeln. Irgendjemand hat bestimmt einen guten Tipp, einen Ratschlag oder kann dir sagen ob du dich im Verhalten verändert hast.
    Also Kalinchen, immer gut Zähne putzen :hug: liebe Grüße
    pelerixi

  • Liebe Flora, liebe pelerixi,


    vielen Dank für eure aufmunternden Worte. Habe eben zur Zeit so einen kleinen Durchhänger. Ist eben alles Mist, habe mich schon immer ins Schneckenhaus zurückgezogen, wenn irgendwas schief gelaufen ist. Bin ein kleiner Pessimist. Alles in mich hinfressen und grübeln - eine 100% Beschreibung von mir.


    Wenn zu Weihnachten auch keine Emotionen aufkommen, wenn ich meine Kinder wiedersehe, muss ich mich wohl an den Gedanken gewöhnen, das irgendwas absolut nicht stimmt und das Problem dann offizell angehen.


    LG
    Kalinchen

  • Liebes Kalinchen :P


    wie ich lese, bist du auf einem guten Weg. Du beschreibst deine Situation, deine Gefühle und das ist der erste Schritt
    um aus seinem Schneckenhaus herauszugehen :thumbup:
    Ich bin ganz bei Flora, wir sollten uns keine Sorgen machen, weil wir Verhaltensweisen an uns entdecken, die wir bisher
    nicht wahrgenommen haben.
    Aber…..da hat pelerixi völlig recht, unsere Seele ist in einem Ausnahmesituation und wir können empfänglich sein für
    depressive Verstimmungen………deshalb, gib gut auf dich acht :thumbup: höre in dich hinein :thumbup: und wenn du
    dir unsicher bist, dann weißt du ja, welche Anlaufstellen es gibt….


    So, nun wünsche ich dir eine schöne Adventszeit :hug: und denk dran, hier ist immer jemand da…….


    Grüßle :) ika :) :)

  • Ach ika-ulm,


    das ins Schneckenhaus zurückziehen, habe ich schon immer getan. Nach außen so tun, als ob alles in Ordnung ist, obwohl nichts in Ordnung ist. Dieses Verhalten an mir kenne ich. Aber dann habe ich wenigstens für mich im stillen Kämmerchen geheult.


    Zum dritten Advent gehe ich mit meiner Freundin auf einen kleinen Adventsmarkt, den die evangelische Kirche organisiert. Der ist immer schön gemütlich. Mal sehen, ob der mich aus den Schneckenhaus ziehen und mich in Weihnachtsstimmung versetzten kann.


    LG
    Kalinchen

  • Hallo Kalinchen,
    von mir erst einmal :hug: .
    Aber siehst du, wir sind dūnnhåutiger geworden und ziehen uns dem entsprechend auch schneller zurück. Ich glaube dieses Verhalten können viele an sich entdecken. Ich bin auch gerade in so einer merkwürdigen Stimmung. Habe mich so auf meinen ersten Arbeitstag am Do. gefreut. Das ist weg und am liebsten würde ich nicht gehen. Nur jetzt nicht oder ūberhaupt nicht mehr ??? Ich weiß es nicht, aber ich habe meine Arbeit doch so sehr geliebt und nie etwas anderes gemacht.
    Ich bin so weçhselhaft, gestern konnte ich mich noch wie verrückt ūber die vielen Lichter, Kerzen und die Adventszeit freuen und im nächsten Moment einfach nur ins Leere starren und gar nichts mehr empfinden und dann brauch niemand bei mir sein und ich muss aufpassen, meine Familie nicht zu vergraulen. Krass ausgedrückt wūrde ich manchmal dann einfach schreien lasst mich doch einfach alle in Ruhe und allein. Was ich natürlich nicht mache, weil ich mich noch zusammen reißen kann und ja niemanden verletzen mag.
    Habe heute im Internet einen Spruch gelesen: Ja ich habe mich veråndert. Und Nein, ich werde nie wieder wie früher!
    Hm da ist was dran und wir müssen bestimmt erst selber lernen mit unserer Verånderung umzugehen.
    Ich wūnsche dir auf jeden Fall auf deinem kleinen gemūhtlichen Weihnachtsmarkt eine wunderschönen Adventsstimmung die dich ansteckt und mitnimmt. Und wenn an Weihnachten deine Kinder erst einmal da sind, werden auch auf jeden Fall die Emotionen zurück sein, ganz bestimmt.
    GlG Sylvi

  • Liebe Kalinchen,


    wie Flora bereits geschrieben hat, was ist schon normal? Solange es solche Dinge sind, wie keine Angst vorm Zahnarzt zu haben, ist das doch prima.
    Du machst schon alles richtig. Du triffst dich mit Freunden und machst dir ein paar schöne Stunden. Das ist echt prima! Man muss auch nicht alles jedem zeigen. Das ist auch nicht meine Art. Da wird schon selektiert.
    Erwarte nicht zu viel von dir. Oft ist man frustriert, weil man vielleicht nicht so fühlt, wie man meint, dass es sein müsste, oder weil man nicht mehr so fit ist wie früher. Was kommt, das kommt, und wenn nicht, dann ist das auch kein Beinbruch. Ich weiß, dass es schwer ist, aber gib dir noch ein wenig Zeit.


    Ich wünsche dir vor allem einen wundervollen 3. Advent!
    LG Danka

  • Liebe Sylvi,


    danke für deine lieben Worte, ist ja beruhigend, wenn es dir auch manchmal so geht. Das mit deinem ersten Arbeitstag morgen wird schon gut laufen. Natürlich wird dir alles komisch vorkommen, warst ja ne Weile nicht auf Arbeit und da ist ja bestimmt auch viel passiert, von dem du jetzt nichts mitbekommen hast. Lass dich doch die ersten Tage ersteinmal nur auf den neuesten Stand bringen, was die Arbeit betrifft und was wahrscheinlich wichtiger ist, was Klatsch und Tratsch betrifft :)


    Liebe Danka,


    zur Zeit weiß ich eben einfach nicht wie es weiter geht, vielleicht zieht mich das auch so runter. Und damit meine ich noch nicht mal so die Erkrankung, die macht mir eigentlich die wenigsten Probleme. Es ist eher die Gesamtsituation, die schon vor der Erkrankung besch....... war.


    LG
    Kalinchen

  • Liebe Farina,


    die Diagnose ist ja nun schon einige Zeit her, die Behandlungen sind abgeschlossen und ich nehme nur noch Tamoxifen. Vielen geht es hier im Forum viel schlechter und strahlen dennoch eine Lebensfreude aus. Was ich vom ganzen Herzen bewundere. Wenn ich davon doch nur ein kleines bißchen hätte.

  • Liebes Kalinchen, die Total-Normal- Einstellung ist gegenüber manchen Dingen total normal und das ist auch gut so, solange DU DIR wichtig bist. Wir sind jetzt an erster Stelle - das Wichtigste ist die Gesundheit. Wenn wir sie wiedererlangt haben, können wir anfangen uns um Alltägliches zu kümmern.
    Wenn Deine Kinder kommen, nimm sie einfach in den Arm............
    eine schöne Adventszeit :thumbup:

    "Trenne dich nie von deinen Illusionen
    und Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren,
    aber aufgehört haben, zu leben.“




    (Mark Twain)

  • Liebes Kalinchen,
    möglicherweise bist Du in das sogenannte Therapie-Loch gerutscht. Seit der Diagnose ging alles Schlag auf Schlag, zum Verarbeiten blieb keine Zeit. Zeit und Kraft brauchte man für die Therapien. Nun bist Du über den grossen Berg rüber.
    Jetzt möchte die Psyche auch noch über den Berg. Vielleicht schafft sie es allein, vielleicht nimmt man Hilfe in Anspruch.
    Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute - und die Zeit, die Du brauchst!
    Kathrin

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