Und noch eine neue

  • Einen schönen guten Tag zusammen,


    auch ich möchte mich kurz vorstellen: W, 39 Jahre alt und seit 8 Wochen weiß ich, dass ich Brustkrebs habe. Nach einer Horrorwartezeit von 9 Tagen wurde ich operiert, nach 10 Tagen ein zweites Mal. Vorgestern habe ich den Port bekommen und am nächsten Montag bekomme ich die erste Chemo.


    Wie geht es mir? Ich weiß es nicht, ich glaube, wie Euch allen da draußen. Der Schock sitzt immer noch tief und die Angst ist groß. Nach der Port-Op geht es mir schlechter als nach den zwei Brustops und jetzt wo es los geht, kriecht die Angst in mir hoch. Bisher war die Diagnose noch nicht konkret für mich, am Montag mit Beginn der ersten Chemo wird es das jedoch. Ich versuche, die Chemo und diesen schmerzenden Port als Verbündete zu sehen - scheitere aber kläglich. Vor der Diagnose war ich eine taffe Powerfrau, die jetzt zur Angsthäsin mutiert ist. Wem geht es auch so? Wer traut auch seinem Körper nicht mehr? Und wie bekomme ich Seele und Körper wieder zusammen, wenn die Psyche nicht mehr mitspielt? Ich habe es plötzlich mit einer Herausforderung in meinem Leben zu tun, für die mir die Werkzeuge fehlen.


    Was kann ich sonst noch sagen: Ledig, keine Kinder, nach einem Zweitstudium jetzt kalt in der neuen Bewerbungsphaser erwischt. Ich bin letztes Jahr den Camino de Santiago gelaufen (800 km) und muss jetzt mit einem ganz neuen Weg zurecht kommen, den ich mir nie "erträumt" hätte.


    Viele Grüße nach draußen!

  • Liebe Camino,


    eine Brustkrebsdiagnose ist vielleicht mit dem Beginn eines neuen Weges ins Unbekannte zu vergleichen. Und da ist es dann klar, dass frau Angst hat, weil sie nicht weiß, was ihr auf diesem Weg alles begegnen wird.


    Es hilft, zu wissen, wo das Ziel liegen soll, aber nicht zu weit nach vorne zu schauen oder sich Sorgen zu machen, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. Und schaue ganz viel nach rechts und links, um schöne Dinge zu entdecken (ja, auch die gibt es, trotz Krebs!) und um hilfreiche Hände, die Dir andere entgegenstrecken, wenns mal unwegsam wird, nicht zu übersehen.


    Wenn die Psyche nicht mehr mitspielt: Gespräch helfen oftmals. Wende Dich doch einmal an die Psychoonkologin im Krankenhaus. Manchmal braucht es nur wenige Gespräch, um wieder auf die Spur zu kommen, manchmal sind ein paar mehr nötig. Aber habe Geduld mit Dir, denn um das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen, brauchst Du einfach ein bisschen Zeit.


    HIer im Forum darfst Du Dich wohlfühlen, hier werden wir Dich unterstützen, wenn Du es möchtest, hier kannst Du die Fragen stellen, die für Dich wichtig sind. Ein offenes Ohr gibts hier immer ;) .


    Viele Grüße von Flora

    Habe Augen für die schönen Dinge, die Du jeden Tag erlebst. - Genieße sie und freue Dich darüber, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind.

  • Hallo camino 2013,
    ich bin erst seit gestern hier im Forum registriert, aber meine Diagnose habe ich im Dez 2012 erhalten.
    Nach meiner 2. OP im Februar kamen große Schmerzen und meine Psyche ging den Bach runter.
    Seit 1 Woche bin ich nun endlich schmerzfrei, aber meine Psyche hat noch einen langen Weg vor sich.
    Alle hier im Forum haben mir fürs Erste durch ihren Austausch sehr viel geholfen, allein deshalb, weil sie sich ausgetauscht haben.
    Ich habe fast alles gelesen und es hat mich etwas stärker gemacht.
    Der Weg könnte für mich jetzt etwas leichter werden. Hier fühle ich mich wohl und sicher. :) :)


    Ich wünsche Dir ebenfalls, dass Du hier im Forum Antworten auf Deine Fragen und Kraft bekommst.


    Liebe Grüße
    Romy42


    Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen.
    (G.Ch.Lichtenberg)

    Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen.
    (G.Ch.Lichtenberg)

  • Hallo campino2013,


    Ja, das glaube ich Dir, das nichts mehr so ist wie vorher. Das ging uns wirklich allen so. Da steht frau ihren Mann im Leben und plötzlich bin ich abhängig von Ärzten, Krankenhauspersonal undnicht alle sind freundlich und hilfsbereit. Und der Körper läßt einen auch im Stich. Aber irgendwo ist noch die Kraft, die Du Dir auf dem Campino erlaufen hast. Wenn es dicke kommt, schließe die Augen und die anderen aus und suche Dir die Bilder in Deinem Kopf, die Dir Kraft geben.

    Liebe Grüße aus dem wunderschönen Hessenland, heidih57



    Glück liegt nicht darin, dass man tut, was man mag,
    sondern dass man mag, was man tut.
    James Matthew Barrie

  • Erst einmal danke für die lieben Antworten und die Aufmunterungen. Das geht ja fix bei Euch. ;)
    In ein paar Tagen habe ich vielleicht auch die Feinheiten dieses Forums auf den Kasten und mich orientiert.


    An heidih57: Das schlimmste ist für mich, dass ich meinem eigenen Körper nicht mehr traue. Er hat mich immerhin noch trotz T2,G3 (Lymphknoten frei, keine Metas) nach Santiago gebracht. Und genau damit hadere ich so arg. Die schönen Bilder entwickeln derzeit keine Kraft.


    An Romy42: Hallo Du einen Tag ältere Neue. Du machst mir Mut, was hast Du denn für Deine Psyche konkret getan. Ich war sonst immer in der Lage, mich an meinem eigenen Schopf aus dem Dreck zu ziehen, aber nichts funktioniert bei mir mehr. Ich habe nicht Mal Lust mehr für Yoga und Meditation. Die Stille in mir drin ist nicht zum Aushalten. Es tut mir leid, dass Du auch große Schmerzen hattest. Mich schmerz "nur" meine Seele und aktuell der neu gelegte Port. Hatte vorgestern die 3. Vollnarkose in 2 Monaten.


    Am Flora: Ich hatte einen Krankenhauswechsel, weil ich für die Behandlung in das Haus meiner Eltern gezogen bin. Nach den Ops habe ich mir das erste Mal Hilfe von einer Psychoonkologin geholt. Leider führt man da nur Erstgespräche, so lange man im Krankenhaus ist. Sie hat mit Remergil verordnet, weil ich in so einem tiefen Loch festsaß und nicht mehr schlafen konnte. Jetzt hatte ich im neuen Krankenhaus wieder so ein Erstgespräch, aber diese Damen müssen einem auch liegen 8| Mein neuer Hausarzt und die neue Gyn konnten mir nicht wirklich bezüglich Psychoonkologen helfen. Die sind wohl meist an Krankenhäuser angegliedert. Freischaffende Onko-Experten gibt es wohl nicht so häufig...Auch weiß ich gar nicht, ob mir das hilft - hatte bisher vor der Diagnose keine Erfahrungen mit diesen Gesprächsmöglichkeiten, seufz.


    Einen schönen Abend an alle und einen lieben Gruß, Camino

  • Hallo camino2013,


    das, was Du geschrieben hast, trifft genauso auch auf mich zu. Meine Diagnose erhielt ich im Juni 2010 mit 38. Nach meinem Studium und 10 Jahre arbeiten hatte ich kurz vorher eine Fortbildung abgeschlossen und vieles im beruflichen Leben geplant...
    Geschieden, keine Kinder, voller Energie und Power und Pläne. Und von einem Tag auf den anderen war nix mehr wie vorher.
    Wenn ich daran denke, um was ich mir "vorher" Gedanken gemacht habe, dann ist es heute für mich unfassbar.
    Und dann? Alles schön brav mitgemacht: 2 Operationen, Chemo, Bestrahlung. Der Port und die dazu gehörende OP war bei mir übrigens ebenso schmerzhaft. Ätzend!
    Jetzt ringe ich mit den Nebenwirkungen, die ich als "Erinnerung" behalten habe und immer noch ist nix mehr so, wie es war...
    Mir geht es noch immer nicht gut und manchmal denke ich, wofür die ganzen Strapazen???
    Ach mensch, ich seh da so viele Parallelen und ich hoffe, Dir ergeht es irgendwie besser!!
    Ach ja: Wenn die Chemie in mich rein gelaufen ist, dann hab ich mit ihr gesprochen und sagte zu ihr: Mach sie platt, die sch.... Zellen! ;) Das hat mir unheimlich gut getan.
    Kopf hoch! Du schaffst das! Wir haben es auch hingekriegt...


    Liebe Grüße,
    Nicole

  • Hallo Camino,


    Irgend jemand hat hier irgendwo von einem Untermieter geschrieben. Es war nicht Dein Körper, der versagt hatte und Dich im Stich ließ. Es hatte sich ein Untermieter eingeschlichen. Der einzige Irrtum von Deinem wertvollen Körper war es nur, dass er sich geirrt hat, als er diesen Mieter zuließ. Und Irren ist menschlich, oder?

  • Liebe Camino!


    Ich bin auch ganz neu hier.
    Deine Angst kann wohl jeder hier nachvollziehen.
    Mir war auch sehr seltsam zumute als ich zur ersten Chemotherapie ging, weil ich einfach nicht wusste, was da auf mich zukommt.
    Wie reagiert mein Körper????? Hält meine Seele das aus??????
    Ganz verständlich. Am Besten ist wirklich, sich abzulenken, sich schöne Gedanken zu machen, vielleicht gute Musik hören
    oder etwas Gutes lesen.
    Es hilft leider nichts; frau muss durch diese Zeit durch.
    Was mir dann sehr geholfen hat, waren die Kontakte zu den anderen Frauen in der Chemotherapie.
    Da bildete sich dann eine kleine Gruppe und wir haben uns über alles mögliche unterhalten und viel gelacht (klingt seltsam, nicht wahr..)
    Aber uns war nach Lachen zumute.
    Ich wünsche Dir viel Kraft für die Therapie.


    Liebe Grüße


    Gabriele :)

  • Liebe Gabriele: Ja genau, wie verhält sich mein Körper und was sagt dann die Seele dazu - das hast Du wunderschön auf den Punkt gebracht. Ich hoffe wirklich, dass ich mich ablenken kann und mich die Mädels dort auf andere Gedanken bringen. Danke für Deine Zeilen.


    Liebe Gerda: Lieben Dank für Deine Antwort. Wie bringe ich jetzt meinem Körper bei, dass er sich bitte bitte nicht mehr in Zukunft irrt? Wir Menschen irren täglich - und das ist normal, aber das liegt an unserem Geist und an unserer subjektiven Wahrnehmung. Und wir machen auch täglich Fehler. Mein wertvolles Körperchen soll sich aber, so Gott will, bitte nicht mehr so oft irren. Das macht mir angst. Wenn ich einen Fehler mache, dann kann ich mich bei dem anderen Menschen entschuldigen, ich habe jetzt das Gefühl, dass der Körper alleine agiert hat - ohne mich zu fragen. Und wieso habe ich nichts gemerkt davon? Und wieso hat das Dreieck Geist, Seele, Körper nicht mehr funktioniert? Sorry für diese Erklärungen, sie sind ein bisschen kompliziert, weil ich immer sehr viel im Leben nachdenke(n) muss. ?(


    Liebe Nicole: Ja, das klingt fast überraschend deckungsgleich. Ich füge noch etwas hinzu: Ich mag Hunde und habe den Wunsch schon viele viele Jahre auf meiner Silvesterliste gehabt. Nachdem ich hoffentlich alles gut überstanden habe, werde ich mir diesen Wunsch auch erfüllen. Nach Deinem Bild zu urteilen, hast Du einen? Mensch Du - arbeitest Du jetzt wieder und wieso geht es Dir denn noch immer nicht gut? Ich habe nach dem ersten Studium auch zehn Jahre gearbeitet und dann noch einen Master draufgesetzt, um mich neu und richtig beruflich zu orientieren. Ich habe vor drei Jahren die Reißleine gezogen und mit viel Risiko und Engagement dieses Studium gewagt. Alles lief super und als Dank "bei dem da oben" bin ich gleich nach der Abgabe der Masterarbeit in ein Kloster und dann auf den Camino. Voller Zuversicht kam ich nach zwei Monaten in Spanien zurück und habe die Bewerbungsphase gestartet. Und jetzt das. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll und ich bin auf den heiligen Jakobus so richtig sauer. Und auf den da oben auch!!! Und auf mich auch: Für mich war immer mein Berufleben am wichtigsten und jetzt stehe ich schockiert da und merke, das mir das gerade nichts bringt. Ich bin auf Freunde und Eltern angewiesen und merke, dass ich mir für diesen eingetretenen Ernstfall nichts aufgebaut habe. Ich brauche das erste Mal Hilfe im Leben und habe das sofort gemerkt. Die Homepages der Brustzentren loben ihr Angebot immer in den Himmel: Wie ganzheitlich alles gehandhabt wird, wie toll die psychoonkologische Unterstützung ist. Das stimmt alles nicht! Ich fühle mich von den beiden Brustzentren allein gelassen und mir fehlt es an kontinuierlicher Unterstützung seit 8 Wochen. Diese Erstgepräche bringen null (außer die Medikamentenverordnung) - hinzu kommt, dass man vor Schock richtig sprachlos ist. Dein Satz "Es ist nichts mehr so wie es war" hat mich sehr berührt. Diese Erfahrung habe ich schon oft im Leben gemacht und als Aufmunterung an Dich: Manchmal merkt man, dass einem das Leben auch positiv formt. Als ich in Jean-Pied-De-Port den Jakobsweg begonnen habe, war ich eine andere Person wie die, die in Santiago ankam. Vor dem Zweitstudium war ich anders wie nach dem Zweitstudium und so weiter...Jetzt habe ich natürlich Angst, dass ich einen "Hau" weg bekomme und nie wieder unbeschwert und glücklich das Leben genießen kann. Ich habe schlichtweg Angst, dass ich ab jetzt mit 39 immer denken muss: Ohoh, dieser Augenblick ist zwar schön, aber diese ganze Katastrophe kann wieder kommen. Und diese Gedanken habe ich, obwohl ich einige Wochen vor der Diagnose begonnen habe, ZEN zu praktizieren. Die Angst schleicht in den letzten Winkel meines Daseins und ich hoffe wirklich, dass ichvon Euch Frauen da draußen wieder Kraft schöpfen kann. Geht diese Katastrophengefühl auch wieder weg??? Und wie lange hat das gedauert? Wie ist denn Deine persönliche Situation heute? Hat sich Deine neue Ausbildung irgendwie ausgezahlt?

  • Liebe camino2013,


    ich muss mir demnächst mal Zeit nehmen, um Dir ausführlicher zu antworten. Natürlich nur, wenn Du magst... ;)
    Jetzt erst mal so viel: Ich arbeite seit der Erkrankung nicht mehr, weil es nicht geht. Habe auch immer darauf hin gearbeitet und es hat mir total den Boden unter den Füßen weg gerissen!
    Alo es ist wirklich nichts mehr, wie es war. Aber ich möchte Dir unter keinen Umständen mit meiner Situation noch mehr Ängste oder so machen. Es ist nur so, dass ich psychisch sehr unter dem Krebs gelitten habe und das Gefühl habe, es wird eher schlimmer als besser. Aber ich mag das hier eigentlcih nicht so gerne schreiben, da ich keinem und keiner noch mehr negative Gefühle bereiten will!
    Ich hab sicherlich einen "Hau weg", wie Du schreibst. :S Ich kann da zwar drüber schmunzeln, aber da gibt es Stunden und Tage, da vergeht mir selbst das.
    Aber glaub mir, eine gewisse Unbeschwertheit kommt zurück-wenn Du sie auch sicher anders erlebst wie "vorher". Die erste schlimme Zeit relativiert sich etwas, aber immer wieder ist die Angst da, das "er" wieder kommt. Warum sollte ich nicht ehrlich sein? Es nützt ja nichts...
    Ich hätte am Anfang niemals in einem solchen Forum schreiben können, denn ich war nicht mehr ich selbst. Ich habe nur noch funktioniert...
    Deshalb bin ich voller Bewunderung für diejenigen, die schon kurz nach der Diagnose darüber schreiben...
    Ach, ich könnte noch soooo viel erzählen. :rolleyes:
    Wenn Du magst, dann mache ich das später. Es tut nämlich gut.
    Ja, wir haben einen Hund. Aber einen sehr speziellen. Und ich habe auch wieder einen Partner, den ich übrigens kurz vor meiner Diagnose erst kennen lernte und der sich trotzdem nicht abschrecken ließ. Auch in den schlimmsten Zeiten nicht.
    So, jetzt muss ich erst mal weiter. Hoffentlich bis bald...


    Liebe Grüße,
    Nicole

  • Liebe camino,


    Ich habe mich wirklich berührt gefühlt von Deiner Art die Dinge auf den Punkt zu bringen und von Deiner Klarheit. Und die Parallelen sind echt erstaunlich. Ich habe vor 2 Jahren die Diagnose Brustkrebs bekommen, bin Mitte 30, beende gerade mein zweit Studium, hab mich für die Zeit der Diagnose von meinem Freund getrennt, bin bei meiner Mutter eingezogen habe einen Hund, meditiere und habe den Jakobsweg in (leidert zu langfristiger) Planung - echt erstaunlich :) .


    Vor allem sind es aber die Gedanken und Gefühle, die Du beschreibst, die mir so bekannt vorkommen.Wirklich genau so ging es mir vor 2 Jahren die Diagnose bekommen habe.


    Zu den Ängsten und der Psyche: Psychisch habe ich definitiv gelitten in dieser Zeit, kann ich nichtanders sagen. Bin aber auch ein ganzes Stück daran gewachsen und habe viel entdeckt. Zum Beispiel dass ich für mich einstehen kann und
    das es gut ist das zu tun.
    Angstgefühle kommen immer mal wieder, aber immer leiser, kürzer und seltener. Ich habe einfach begonnen sie irgendwie zu akzeptieren, sie als ganz normalen Teil bei dieser Erkrankung zu betrachten - wer hätte sie denn nicht in dieser Situation. Dagegen anzukämpfen erzeugt Reibung und das vergeudet mir zu viel Energie und gibt ihnen viel zu viel Raum.


    Und ja, es ist definitiv eine Herausforderung. Aus meiner Erfahrung kann ich Dir sagen, man kann sie meistern, auch wenn nicht alles auf Anhieb klappt. Stör Dich z.B. nicht dran, wenn es nicht sooft gelingt, die ganzen Dinge als
    Verbündetet zu sehen. Immerhin sehen die Verbündeten zuerst doch auch sehr beeindruckend aus, und schlagen mächtig durch. Da scheint es doch geradezu einleuchtend, dass Körper Geist und Seele sich beeindrucken lassen und auf Alarm machen. Mich persönlich hätte es eher stutzig gemacht, wenn ich einfach so da durchgegangen wäre – ohne einen Mucks - und einfach alle Emotionen abgetrennt hätte.


    Und die Werkzeuge kamen bei mir auch erst so nach und nach. Gut ist doch, dass Du schon mal Ausschau hältst. Mir hilft
    z.B. Visualisierungen (nach Simonton), kreativ sein, und Meditation. Z.B. ist mir Bodyscan-Meditation sehr
    hilfreich um Körper Geist und Seele etwas mehr in Einklang zu bringen, aber das ist Geschmackssache. Dazu mach ich noch einiges Naturheilkundliches nebenbei. All das gibt mir das Gefühl nicht nur passiv zu konsumiern, oder ausgeliefert zu sein.


    Und ich möchte Dir Mut machen: wenn ich lese, was und wie Du schreibst, hast Du hast soviel im Gepäck was Dir helfen wird da durch zu kommen und Deinen eigenen Weg zu gehen. Deine Klarheit und Offfenheit und Deine Fähigkeit Dinge zu
    sehen und auch an- und auszusprechen. Dass ist eine große und wichtige Ressource. So etwas lässt einen auch im Klinikalltag besser durchkommen.Ganz bestimmt.


    Hoffe das war ein wenig hilfreich für dich.


    viele liebe Grüße
    madita

    „Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche.“ Franz von Assisi

  • Liebe Nicole: Herzlichen Dank für Deine Zeilen. Gerne möchte ich mehr über Deine derzeitige Lebenssituation erfahren. Es tut mir sehr leid für Deinen "Hau weg", aber ich bin fest davon überzeugt, dass man diesen "Hau weg" über die Jahre auch überwinden kann - natürlich vorausgesetzt, dass man gesund bleibt. Hattest Du einen Rückfall? Ich bin auch nicht mehr ich selbst, die Psyche ist seit der Diagnose schon zweimal zusammengekracht. Das kann man nicht anders mehr ausdrücken. Einmal hatte ich eine Nacht und einen Vormittag das erste Mal in meinem Leben Angstzustände. Nicht Angst - regelrecht unkontrollierbare Zustände. Ich kann manchmal nicht mehr unterscheiden, ob ich Angst vor mir habe - weil ich mich nicht mehr erkenne, weil ich so reagiere, wie noch nie in meinem Leben, weil ich mir fremd bin, weil ich mir selbst nicht mehr traue, etc - oder vor meiner Krankheit. Mein "gleichmäßiger Lebenspendel ist außer Takt geraten" und ich suche wohl einen neuen Takt, und da gibt es plötzlich ganz fiese Ausschläge. Manchmal beruhigt mich beten. Aber das habe ich vorher schon gemacht. Gestern vor der 1. Chemo wurde ich überraschend ruhig: Ich habe mir vorgestellt, dass ich beschützt bin, egal was jetzt passiert. Während dem Portanstechen und als das E in mich hineinlief habe ich wieder Panik bekommen, danach habe ich mich wieder beruhigt. Darauf war ich stolz. Das erste Mal konnte ich mich vor der Chemo seit der Diagnose etwas selbst beruhigen. So, das war es erst einmal, bin noch etwas skeptisch, was die Chemo heute mit mir macht. Gestern habe ich abends Migräne bekommen und eine latente Übelkeit hat sich eingestellt. Konnte nur einen halben Apfel essen. Heute geht es bisher - habe nur Angst, dass es "irgendwie losgeht". Ganz liebe Grüße, Camino


    Liebe Madita: Auch Deine Zeilen haben mich gerührt. Dann warst Du ja noch jünger als ich. Aber ob Mitte 30 oder 39 macht den Kohl auch nicht mehr fett. So eine Diagnose ist nie im Leben schön, aber ich finde unser Alter, nicht weil wir so jung sind, sondern wegen den künstlichen Wechseljahren so furchtbar. Bei mir soll nach Chemo und Bestrahlung Tamoxifen für 5 Jahre folgen und ich habe große Angst, dass ich nicht mehr die Frau sein werde, wie ich vor der Diagnose war. Keine Periode mehr, ein anderes Körpergefühl, eine andere Psyche - Du lieber Himmel. Wenn ich noch einen Wunsch hätte: Ich wäre lieber Mitte 40 daran erkrankt. Ich meditiere yogistisch und nach einer christlichen Kontemplation. Also normalerweise - seit der Diagnose nicht mehr, seufz. Visualisierung mache ich auch - wenn gar nichts anderes mehr geht, gerne auch den CDs von Else Müller. Wie kommst Du denn mit Deiner Mutter unter einem Dach klar? Für mich ist das eine ganz neue Situation, ich bin mit 20 ausgezogen zum studieren und seither hatte ich Wgs und dann natürlich eigene Wohnungen. Aber Chemo ganz alleine - das wäre für mich ein Horror ohne meine Eltern. Wenn Du Fragen zum Jakobsweg hast: Ich werde Dir sehr gerne alle beantworten. Ich versuche seit gestern, jeden Tag eine Etappe zu visualisieren - es lenkt mich ein wenig von meiner Chemo-Angst ab. Dazu höre ich die Lieder, die ich auf dem Camino auf dem Handy hatte - und manchmal muss ich lächeln dabei, manchmal auch (leider) weinen. Was ist eine Body-Scan-Visualisierung? Ist das wie die Endentspannung beim Yoga, wo man alle Körperteile noch einmal duchgeht? Noch zu Deinem wunderbaren Untersatz von Franz von Assisi: Ich schätze den hl. Franziskus sehr und habe mich länger mit ihm auch befasst (eine Großtante von mir ist Franziskanerin). Jetzt mit dem neuen Papst kam das Thema wieder bei mir auf und wenn alles rum ist und ich "als gesund gelte" möchte ich den Fraziskusweg in Italien gehen. Er ist "nur" etwa halb so lang wie der Camino, und die 400 km kann man in drei Wochen gehen. Allerdings muss da vorher der Port raus - ich kann mir nicht vorstellen, einen 7,5 kg Rucksack darauf zu schultern, seufz. Franziskus Naturverbundenheit und seine Radikalität haben mir immer gefallen. So - jetzt aber - wenn Du magst, erzähl noch etwas von Dir - Dein Post hat mir sehr geholfen - ich fühle mich nämlich verstanden. Einen lieben Gruß und buen camino!

  • Liebe Camino,
    na wie ist es Dir inzwischen so. Ich denk mal, wenn Du Glück hast wars das erstmal schon mit den Chemo-Nebenwirkungen, soweit ich das einschätzen kann. Wir hatten glaub ich sogar so ziemlich die gleiche, was aber wiederum auch nichts heißen muss. Mir ging es übrigens ab der 3 Woche meist wieder recht "normal". Und für die Zeit in denen ich den Apfel nicht runter bekommen habe, habe ich den ein wenig gekocht, mit Agavendicksaft und Zimt gesüsst. Das ging das besser.
    Kann ja noch mal ein bisschen was erzählen um Dich abzulenken... Also, ...bei meiner Mutter bin ich für ein die Zeit von der ersten Chemo, bis zur letzten Op wieder eingezogen also für ca. 1 Jahr. Und ganz ehrlich, manchmal war das schon seltsam, nachdem ich auch mit Anfang 20 ausgezogen war. Es ist eine zweischneidige Sache: man ist einfach schnell wieder das kleine Kind, für das die Mama Pudding kocht, aber dem sie auch hinterher telefoniert, wenn es bei Einbruch der Dunkelheit noch nicht da ist usw., usw. Mit etwas Abstand war es aber eigentlich ganz ok. Ich konnte einiges nachholen, und anderes abschließen. Wie ist es denn bei Dir, bist Du jetzt schon bei Deinen Eltern eingezogen, oder fährst Du nur für die Chemo hin? Und wie sind so Deine Erfahrungen wieder bei den Eltern?
    Der Body-Scan ist genau das was Du beschreibst. Übrigens war auch bei der Meditation und Yoga der Krebs eine gute Gelegenheit, nochmal was nachzuholen. Habe das früher auch schon gemacht aber ist mir dann abhanden gekommen. Dafür kann die Krankheit schon fast soetwas wie ein Glück sein - wenn ich z.B. ganz viele Dinge die mir wichtig sind wiederentdecke, und auch merke was eben weniger wichtig ist. Allerdings ein Glück, dass ich nur einmal im Leben brauche ;) . Was ist denn christliche Kontemplation, wie sind so die Visualisierungen von Else Müller, und wie kommt es, dass Du seit der Diagnose mit der Meditation aufgehört hast?
    Zu der angesprochenen Chemo-Angst. Bin zwar nicht sicher, obich da der richtige Ansprechpartner bin, aber die hatte ich auch. Mir hatt es dann immer geholfen, die rauszulassen. Und dagegen hab ich auch mehr als einmal eine Beruhigungstablette angeboten bekommen. Habe sie aber immer dankend abgelehnt. War für die Ärzte wirklich nicht immer bequem, aber im Nachhinein betrachtet für mich das Beste. So war es zwar schlimm in der Zeit, aber ich konnte im Nachhinein alles ganz gut verarbeiten. Das war halt der Weg, der für mich gestimmt hat.Das mit der Camino-Visualisierung klingt aber auchnach einer super Sache.
    Den Franziskusweg kannte ich noch gar nicht, 400 Kilometer klingen aber nach einem guten Anfang. Eigentlich würde ich den Weg ja gerne ganz alleine Laufen, aber hm, da bin ich noch was unsicher. Und daher rückt das in so weite Ferne. Zum Jakobsweg hätte ich schon einige Fragen wie z.B. wie war Deine Route, Dein Weg; bist Du alleine gelaufen; taten Deine Füße oft weh; bist Du noch weiter nach Finisterre; wie fühlt man sich, wenn man es hinter sich hat? Viellleicht magst Du ja mal unter dies und das einen Strang dazu aufmachen. Mich würde der jedenfalls interessieren ^^ .


    viele liebe Grüße
    madita

    „Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche.“ Franz von Assisi