Gefühle und Umgang miteinander

  • Ihr Lieben,

    ich komme gerade aus einem Lehrergespräch. Eigentlich hat sich nichts geändert, glaube ich. Aber durch meine Erkrankung ist alles irgendwie anders. Ich habe schon früher oft gelitten unter Menschen, die achtlos miteinander umgehen, Gefühle anderer durch Logik wegdiskutieren wollen... Heute ging es mir so, dass das ganze Gespräch didaktisch wunderbar aufbereitet war, in einem ruhigen, pädagogischen Ton vorgetragen aber nichts hat sich berührt. Ich fühle mich so seltsam leer. Während meiner Erkrankung durfte ich so viele Menschen treffen, wo ich das Gefühl hatte unsere Seelen berühren sich, es wird zugehört ohne zu werten und versucht dem anderen ja Liebe zu geben. Wisst ihr was ihr meine? Zumindest mir, ist das so oft so gegangen. Vielleicht weil alle so empfindlich sind?

    Ich bin jetzt drei Jahre nach Erkrankung und all die schwierigen Sachen und dauernden Ängste fehlen mir natürlich nicht, aber der wertschätzende Umgang miteinander, der besondere, feine Humor... So hat das ganze für mich zumindest auch etwas Schönes gehabt. Ich bin echt traurig, über all die harten Schalen, die manchmal unter pseudo-Eso-Gefühl versteckt werden oder unter pädagogischen Phrasen...

    Habt ihr eine Idee, wie man ein wenig von diesem Miteinander vielleicht in die Welt tragen könnte? Ein wenig von dieser Herzenswärme? Ich habe Angst, dass auch mir das verloren geht...

    Nachdenklich Eure Wolke

  • Ach liebe Wolke, :hug:


    Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich habe auch diese Angst. Ich habe zwar keine aktuellen Kollegen aber innerhald der Familie erlebe ich diese Situationen immer wieder und das macht mich unendlich traurig. Da frage ich mich oft, wo bleibt die Anteilnahme, wo bleibt ein verständnisvolles Wort, ein Besuch? Niemand weiß wie lange wir uns noch sehen können, warum interessiert es z.B. meine Brüder so wenig und ich laufe ihnen dauernd hinterher, versuche den Kontakt aufrecht zuerhalten und Nachsicht walten zu lassen. Das habe ich meiner Mutti versprochen bevor wir sie 2010 auch durch Krebs verloren haben.

    Inzwischen bin ich dabei an meine Grenzen gekommen und mir wird das hinterher laufen zuviel. Und dann kommt diese Angst, die Du beschreibt dass mir die Anteilnahme und Herzwärme auch verloren geht. Ich habe auch keine Idee mehr, was ich tun kann gegen diese allgemeine Gleichgültigkeit die sich zunehmend breit macht.


    Eine ebenso nachdenkliche Blume

    :) Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi. ;)

  • Liebe Wolke,

    ich denke nicht das diese Gefühle irgend jemanden von uns verloren gehen. Dazu haben wir zu viel erlebt, gelitten, gelernt. Gelernt was Zuneigung, Liebe und Verständnis bewirken können, das man diese Dinge braucht. Aber vielleicht auch Abstand zu nehmen von Menschen, die uns nicht gut tun, weil ihnen diese Eigenschaften fehlen. Ich habe solche Menschen als Arbeitskollegen, die es bis heute nicht fertig gebracht haben mir ein freundliches Hallo entgegen zu bringen, nachdem ich bereits 10 Monate wieder arbeite. Am Anfang habe ich auf ein "Schön das du wieder da bist" gewartet, nicht mehr, kein Mitleid oder so. Dann habe ich wenigstens ein nettes Hallo erwartet, mittlerweile erwarte ich gar nichts mehr und gebe auch nichts mehr zurück. Deshalb bin ich nicht herzlos oder verståndnislos oder gefūhlskalt, ich schūtze mich einfach vor solchen Menschen und will keinen Kontakt mehr. Sie sind mir egal geworden. Vielleicht ist es egoistisch wenn ich sage weil ich ihnen egal geworden bin, weil ich wieder auf Arbeit gekommen bin, so ein Mist aber auch und sie leider nicht meine Festanstellung geerbt haben ( sind bei uns knapp in der Forschung, fast alle nur immer auf Projekte befristet ). Weißt du wie ich meine, man kann die anderen nicht ändern, aber man kann sich so gut wie möglich fern halten.

    Wir werden die Welt nicht åndern aber wir tun schon viel, wenn wir unsere Herzenswärme der Familie, den Freunden und lieben Menschen zeigen und sie mit ihnen teilen, dann wird uns niemals etwas davon verloren gehen <3.

  • Ich denke das Menschen die nie in einer solchen Ausnahme Situation waren anders denken und fühlen. Das Leben ist so schnell Begegnungen so flüchtig.

    Im Moment hab ich das Gefühl aussen zu stehen und ihnen zu zusehen. Ich sehe wie sie durch ihr Leben hetzen und dabei vergessen zu leben. Genauso gings mir auch.

    Ich hab schwere Zeiten hinter mir, an meinem Küchentisch saßen freunde und verwandte erzählten mir ihr leid und ihre Sorgen nie hat jemand gefragt wie es mir geht. Nein im Gegenteil da war ein gewisser Neid über den Mut und die kraft die ich habe.

    Mitgefühl und Respekt fur einander da sein, toleranz und akzeptanz veraltete Werte.

    Solche Gedanken hatte ich auch vor meiner Diagnose häufig in letzter Zeit. Jetzt noch mehr.

    Ich will nie wieder so sein wie ich viele menschen jetzt sehe. Vielleicht ist es das einzig Positive was ich aus dieser sache mitnehmen kann.

    Wenn ja dann hab ich nicht nur gelitten dann war es auch für irgendwas gut.

    LG Tamara

  • Liebe Kaffeemaus,

    Du beschreibst genau meine Gefühle.:) Vielleicht bekamen wir diese Krankheit, um innezuhalten und das Leben besser schätzen zu lernen. Ganz so schlechte Erfahrungen haben wir mit unseren Mitmenschen nicht gemacht. Unsere Familie sowie die meisten unserer Freunde sind sehr hilfsbereit und fürsorglich und haben immer ein offenes Ohr für uns (mein Mann ist auch schwer krank).:) Dafür bin ich sehr dankbar.

    Dir wünsche ich alles Gute.:hug:

    Liebe Grüße Kylie:hug:

  • Hallo Ihr Lieben,


    ich kann Euch gut verstehen.

    Seit meiner Erkrankung fällt es mir leichter auch mal innezuhalten und "egoistisch" an mich zu denken.


    Wir können nicht die Welt verbessern. Und ich glaube, wir sollten unsere Zeit und Kraft nicht an Leute verschwenden, die es nicht zu schätzen wissen. Es gibt glücklicherweise genug, was sich lohnt.

    Also... sag ich mir immer wieder... sei mutig nein zu sagen

    Man muss sich auch nicht immer erklären. Ein nein genügt.


    LG

    Birgit

  • Hallo,


    diese "Kälte" habe ich schon vor längerer Zeit leider bei meinen Geschwistern erlebt. Ich pflegte unsere Mutter und es war ihnen ganz egal, wie es ihr ging. Sie wurde 99 Jahre alt. Nicht einmal zu ihrem Geburtstag kamen Grüße. An der Beerdigung nahm niemand von ihnen teil. Und unsere Mutter war keine böse Frau oder schlechte Mutter. Es tat mir in der Seele weh, wie sie in ihren letzten Jahren ignoriert wurde.

    Aber ich laufe ihnen nicht mehr hinterher. Das war einmal und ist jetzt für mich abgehakt.

    Es gibt sehr viele liebe und zugewandte Menschen in meinem Umfeld. Die sind mir wichtig und von denen fühle ich mich wert geschätzt. Und nur noch auf diese Menschen werde ich zählen und näheren Umgang pflegen.

    Empathie ist niemandem bei zu bringen. Entweder er/sie hat sie oder eben nicht. Da hinterher laufen empfinde ich inzwischen als vergebene Liebesmüh. Leider tat es sehr weh, bis ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin. Aber heute geht es mir (meistens) sehr gut damit.

    Gefühlskalte Menschen haben wir während der Erkrankung nicht gebraucht, aber auch im normalen Leben braucht man sie nicht.

    Leider ist unser Alltag häufig derart anstrengend und schnell, dass das Innehalten und auch an unsere Mitmenschen denken auf der Strecke geblieben ist.

    Erhalten wir uns unsere "Menschlichkeit" und freuen uns über die Menschen, die mit Achtsamkeit durchs Leben gehen.

  • oh, diese Gefühle und Gedanken kenne ich auch!

    da ich durch andere Schicksalsschläge aber schon vor längerer Zeit lernen musste an mich zu denken,

    fiel es mir jetzt nicht so schwer, mich von oberflächlichen Menschen zu trennen.

    dafür kamen neue Menschen in mein Leben,

    es kamen aufmunternde, ehrliche Worte von Menschen, wo ich es gar nicht erwartet habe...

    das Leben ändert sich ständig und man muss versuchen sich bestmöglich darauf einzulassen.


    Mädels seid stark, hört in euch und "entfernt" was euch nicht gut tut ;)

  • Mir geht es da genauso, wie vielen von euch.

    Ich hab damals bei meiner Ersterkrankung einen Bericht gelesen, in dem es darum ging "positives" aus der Erkrankung zu ziehen. Das hat mich damals richtig wütend gemacht - für mich gab es nichts positives an dieser sch.....Krankheit. Inzwischen verstehe ich die Aussage.

    Ich kann Kleinigkeiten genießen (so manches wäre mir früher gar nicht aufgefallen im Alltagstrott) und man lernt wahre Freunde zu schätzen, andere wiederum verliert man aus den Augen.....Allerdings habe ich auch schon viele Menchen durch die Krankheit kennengelernt die ich sonst nicht getroffen hätte und die mir heute sehr wichtig sind. Unteranderem IHR ALLE:)


    LG LEO

  • Liebe Wally, :hug::hug:


    genau das meine ich mit meinen Brüdern und meiner Schwester- genau diese Situation die Du beschreibst und ich habe keine Kraft mehr, ihnen hinterher zu laufen. Es kommt kein Gruß zum Muttertag , zum Geburtstag. Sie interessieren sich nicht für das Grab dass ich seit Jahren pflege und auch genauso wenig für mich, bzw. sind sie so wechselhaft heute so und morgen so.

    Meine Mutti war auch ein ganz liebe und hat allen Kindern schon zu Lebzeiten viel Geld geschenkt. Mir tut das auch so in der Seele leid, das hat sie sich nicht verdient. Dann könnte ich nur heulen sowie heute auf dem Friedhof.


    GLG Blume

    :) Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi. ;)

  • Liebe Blume,


    nein, bitte nicht heulen!

    Sperr sie gedanklich in einen Käfig und wirf den Schlüssel weg. Sie sind Deine Tränen gar nicht wert.

    Unsere Mütter sehen auf uns herab und wollen sicherlich nicht, dass wir uns über unsere Geschwister grämen. Ändern können wir sie ja nicht. Ich weine nicht mehr am Grab, sondern erfreue mich an der schönen Grabstelle und rede mit meiner Mutter über den schönen Platz und liebe Erinnerungen. Ich gehe meistens getröstet wieder nach Hause.


    Kann natürlich sein, dass ich ein etwas pragmatischerer Mensch bin und (inzwischen) nach relativ kurzer Zeit Gegebenheiten, die ICH nicht ändern kann dann hinnehmen kann.


    Dafür bleiben die guten und schönen Gefühle umso mehr für Familie und wirkliche Freunde übrig. Und ich gehe wohl auch mit empfindlicheren Antennen durchs Leben. Es gibt so viele kleine und nette Begegnungen im Alltag, wenn frau die Augen und die Seele offen hält. Das entschädigt mich so manches Mal.


    Ich wünsche Dir sehr, dass Du das Verhalten Deiner Geschwister irgendwann nicht mehr als kränkend empfindest und es einfach ad acta legen kannst.


    LG

    Wally

  • Danke liebe Wally,:hug:


    jetzt habe ich gleich wieder geheult wo ich das gelesen habe ...


    Aber ja - ich habe auch ganz liebe ehemalige Kollegen, die mich spontan besuchen oder anrufen und dass tut mir sehr gut. Neue Freundschaften haben sicher ergeben auch einige hier von Euch aus dem Foum und das ist so wunderschön :thumbup::thumbup: :hug::hug:


    GLG Blume

    :) Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi. ;)

  • Bin ganz bei Dir Wally.

    @Blume, ich habe auch so einen Bruder. Mittlerweile ist er mir egal. Er wäre am Zug, ich hab es oft genug versucht. Nun denke ich an mich.

    LG Gartenelli

    Nimm dir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit für deine Sorgen und in dieser Zeit mache ein Schläfchen. - Laotse -